|
Tour de France 2005
Am 10. Juli haben sich 6 Radfreaks der Triathlonabteilung ins 1050 km entfernte Bédoin aufgemacht, um in den folgenden Tagen die unvergleichliche Faszination "Tour de France" live mitzuerleben. Da der folgende Tag für das Peloton ein Ruhetag war, haben wir uns vorgenommen, als Einstimmung den 21,7 km langen Anstieg zum Mont Ventoux in Angriff zu nehmen. Zwar ist dieser mystische Berg mit seinen Steigungen bis zu 13 % von Jean-Marie Leblanc nicht ins Programm der diesjährigen Tour de France aufgenommen worden, für begeisterte Radsportler ist das Bezwingen dieses topografischen Wahrzeichens der Provence jedoch einfach ein Muss.
Nach dem Studium mehrerer (Leidens-) Berichte über das Bezwingen dieses Mythos starteten wir mehr oder weniger mit zittrigen Knien in Bédoin, nachdem wir diesen unglaublichen Klotz während der Anfahrt in der sonst recht flachen Provence mehr und mehr haben wachsen sehen, je näher wir ihm mit den Autos kamen.
Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite, das heißt Sonnenschein und annähernd Windstille - der Ventoux-Gott war uns milde gestimmt.
"Der Ventoux ist der Berg der Leiden." Eric Caritoux, zwölfmaliger Teilnehmer der Tour de France und Bauernsohn vom Fuß des weißen Riesen muss es ja wissen- und wie recht er hat! Keine Zeit, sich zwischendurch mal zu erholen, die Steigung ist sehr gleichmäßig, will heißen - durchgehende Quälerei, keine Erholung zwischendurch. Und wenn man dann nach ca. 15 Kilometern aus dem Wald in die weiße Geröllwüste kommt wird es nicht unbedingt einfacher, auch wenn man oben die Telegraphenstation schon sehen kann. Sie will jedoch nicht recht näher kommen. Ein Schauer lief dann trotz der Hitze wohl jedem über den Rücken der ca. 1½ Kilometer vor dem Gipfel am Mahnmal des englischen Radrennfahrers Tom Simpson vorbei fuhr. Dieser hatte 1967 den Gipfel nicht mehr erreicht.
Hochachtung vor Roland, der sich trotz seines Trainingszustandes (als Folge des am Anfang des Jahres zugezogenen Oberschenkelhalsbruches) in einer ungeheueren Energie- und Willensleistung, diesen wirklich schwierigen Anstieg hoch quälte.
Abends genehmigten wir uns dann unter sternenklarem Himmel bei immer noch sommerlichen Temperaturen zur Feier dieses wirklich unter die Haut gehenden Erlebnisses einen typisch französischen Tagesausklang. Will heißen, die während des Tages gekauften Baguettes, der Käse und die Rotweinflaschen erlebten den nächsten Tag nicht mehr. Wir schon, wenn auch teilweise etwas "müde". Aber die erste Touretappe, deren Zielankunft wir in Courchevel live erleben wollten versprach ja einen relativ einfachen Anstieg mit unseren Rädern ins Ziel, schließlich war der Schlussanstieg ja "nur" als Berg der ersten Kategorie bewertet. Wie man sich doch täuschen kann! Wenn man so einen Anstieg unterschätzt und auf die leichte Schulter nimmt, folglich nicht genug isst und/oder trinkt, wird man von diesen 20 Kilometern der ersten Kategorie doch mächtig bestraft. (Die Anzahl der Weinflaschen wurde für die folgenden Abende dann auch stark reduziert.)
Wir standen dann etwa 100 Meter vor dem "Teufelslappen" (durch den wir natürlich vorher durchfahren mussten). Später versuchten wir, ein paar Geschenke der durchziehenden Werbekarawane abzustauben (sie erinnert doch sehr an Karneval) oder an dem einen oder anderen Wohnwagen einen Blick auf die Fernsehbilder zu werfen, um über den Etappenverlauf informiert zu sein.
Dann stieg nach und nach die Nervosität, man hörte die Helikopter und später den Beifallssturm der Zuschauer den Berg höher und höher kommen. Irgendwann sahen wir dann auch die ersten Fahrer (unter ihnen auch Lance Armstrong, der ja dann das gelbe Trikot übernehmen sollte) den Berg "hochfliegen". Etwas später kam dann "Ulle", der nicht mehr ganz so gut aussah im Schlepptau seines Helfers Andreas Klöden.
Beeindruckend auch das Grupetto, angeführt von Robby McEwen, wie sich einige Fahrer doch den Berg hoch quälen mussten.
Das erstaunlichste erlebten wir aber während der Abfahrt, nachdem alle Fahrer durch waren. Wir Hobbyfahrer drängten auf die Strecke und wurden überholt von den Profis, die, nachdem sie im Ziel waren, direkt mit dem Rad umdrehten und nach unten zu ihren Quartieren oder Mannschaftsfahrzeugen fuhren. Dieses taten sie dann mit einer unglaublich traumwandlerischen Sicherheit. Jeder "Normalradler", der versucht hätte, sich in der gleichen Geschwindigkeit zwischen den bergab strömenden Massen durchzuschlängeln wäre wohl nach ein paar Metern gescheitert. Jede noch so kleine Lücke wurde von den Profis genutzt, ohne dass auch nur eine brenzlige Situation dadurch entstand.
Am nächsten Tag stand dann die "Königsetappe" auf dem Plan u. a. mit dem Galibier, dem "Dach der diesjährigen Tour". Direkt nach dem Frühstück brachen wir, leider nur noch zu viert (Roland und Bernd mussten wegen beruflicher Termine früher abreisen), in Richtung St. Michel de Maurienne am Fuß des Télégraphe auf. Wir reihten uns mit unseren Rädern in den Pilgerstrom der Radfans ein, im Bewusstsein, die nächsten 3 Stunden harte Arbeit vor uns zu haben. Schließlich waren erst der Col du Télégraphe (12 km Anstieg) und danach der Tour-Klassiker Col du Galibier (18 km mit max. 14 % Steigung) zu bewältigen. Insgesamt ist es zwar eine sehr harte Quälerei, sich an den Wohnmobile, Zelten und Autos vorbei den Galibier hoch zu kämpfen, aber die Stimmung unterwegs und auch die Aussicht (für den, der es schafft, auch mal zur Seite zu schielen) sind einfach atemberaubend. Unvorstellbar, wie man sich hier unter Wettkampfbedingungen, um jede Sekunde und Platzierung kämpfend, noch den Tempowechseln und Attacken anderer Fahrer anpassen kann. Verständnislos schauten sich dann auch einige von uns bei der Behauptung an, dass der Galibier aber einfacher zu fahren sei, als der Anstieg nach Courchevel am Vortag (es kann nur an der dünnen Luft dort oben gelegen haben).
Oben angekommen, fanden wir dann, wieder etwas bergab fahrend, ca. 600 Meter unterhalb des Gipfels ein Plätzchen für uns und unsere Räder. Die Radfans, die uns freundlicherweise gestatteten, unser "Lager" vor ihren Autos aufzuschlagen waren doch wirklich schon seit 4 Tagen dort oben ("vor 3 Tagen hat es hier noch geschneit").
Wir konnten von hier aus ins Tal schauen und an der Serpentinen-Schlange der Wohnmobile erkennen, wo wir uns hoch gequält hatten und wo dann in einiger Zeit der erste Fahrer zu sehen sein müsste.
Die Aussicht, die der Galibier bietet und auch die Stimmung, die sich während dieser Tour-Etappe hier aufbaut sind in diesem Bericht und auch durch die Bilder nur sehr unvollständig wiederzugeben und man wird doch mehr als entschädigt für die Strapazen. Es ist unbeschreiblich, zu beobachten, wie sich erst die Werbekarawane den Berg hoch schlängelt, dann nach ca. einer Stunde Spannungsabfall die Nervosität mit dem akustischen später auch optischen Erkennen der Helikopter nach und nach den Berg hoch kriecht. Irgendwann sah man dann erst ein paar Führungs-Fahrzeuge und dann die Fahrer (als erstes Vino, der diese Etappe dann ja auch gewann), anfangs nur als Punkte erkennbar. Später (sie kommen doch wesentlich schneller erwartet hoch) sind diese immer deutlicher zu erkennen. Wenn dann der erste Fahrer um die letzte Kurve vor dem erkämpften eigenen Standort biegt, bricht schlagartig ohrenbetäubender Lärm aus - Gänsehautstimmung pur wenn die Profis dann zum Anfassen dicht an einem vorbei fahren und uns wahrscheinlich mit ihrem leeren Blick doch nicht wahrnehmen. Was muss das für ein Gefühl sein, derartig den Berg hoch gepeitscht zu werden, unbeschreiblich. Diese unglaubliche Stimmung hält dann auch an, bis der letzte Fahrer vorbei ist. An vorletzter Stelle fuhr dann leider der krankheitsgeschwächte Jens Voigt an uns vorbei, oder vielmehr: er wurde von den Fans aller Nationalitäten förmlich den Berg hoch geschoben. Man merkt, dass er allgemein ein sehr beliebter Radrennfahrer ist.
Dann war alles sehr schnell vorbei. Nachdem das letzte Fahrzeug durch war ("Fin de Course"), strömte alles wieder den Berg hinunter und auch wir fuhren zu unseren Autos. Unterwegs bekamen wir noch ein paar Regentropfen ab (die einzigen während dieser Tage). Wir alle waren beeindruckt von diesem Gigantismus in Perfektion. Es ist absolut erstaunlich, mit welchem technischen Aufwand (u. a. ca. 7 oder 8 Helikopter) sich dieser Tour-Tross durch die Berge bewegt. Man kann jedem, der die Chance hat, so etwas einmal live zu erleben nur empfehlen, diese auch zu nutzen.
Abschließend bleibt zu erwähnen, dass die Planung und Durchführung unseres logistisch doch recht anspruchsvollen Unternehmens, wie auch die Stimmung, nahezu perfekt waren.
Dazu herzlichen Dank an die "Reiseleitung".
Ringo Haupt
zum Fotoalbum
|